Das Fliegende Spaghettimonster zu Gast in Bochum

© Philipp Dreuw / Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Dirk Pokorny berichtet im Humanistischen Pressedienst ausführlich über eine Veranstaltung von Religionsfrei im Revier im Bahnhof Langendreer: »Religion kann auch Spaß machen. Das bewies die Autorin und Journalistin Daniela Wakonigg (Foto) am vergangenen Freitag in Bochum bei ihrem Vortrag: „Das Fliegende Spaghettimonster – Religion oder Religionsparodie?“ Ihre Reise durch die Kuriositäten der Religionen dieser Welt war ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Aus religionskritischer Perspektive haben Religionsparodien ihre Reize. Doch auch etablierte Religionen können Skurrilitäten aufweisen, die nicht weniger für Erheiterung sorgen. Der Glaube an das Fliegende Spaghettimonster befindet sich in guter Gesellschaft, unterscheidet sich jedoch maßgeblich von seinen Mitbewerbern.
Eingeladen hatte die Initiative Religionsfrei im Revier, deren karfreitägliche Filmvorführungen von „Das Leben des Brian“ regionalen Kultstatus erlangt haben. Religionskritik mit Spaß zu verbinden, das versteht nicht nur der Gastgeber, es gehört auch zum Kompetenzgebiet der Referentin. Daniela Wakonigg ist eine renommierte Expertin für den Pastafarianismus, wie sich der Glaube an das Fliegende Spaghettimonster nennt. Im Sommer diesen Jahres erschien ihr Buch „Das Fliegende Spaghettimonster – Religion oder Religionsparodie?“, das sie gemeinsam mit Dr. Winfried Rath geschrieben hat. Dieser vertritt als Rechtsanwalt auch die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V. in ihrem bekannten Schilderstreit.

Als studierte Theologin und Philosophin unterzog Daniela Wakonigg den Pastafarianismus einer religionsphilosophischen Untersuchung. Dabei vergleicht sie den Glauben an das Spaghettimonster nicht nur mit den alten und etablierten Religionen dieser Welt, sondern auch mit den jüngeren Vertretern um den Wettbewerb der Seelen ihrer Anhänger.

Das Fliegende Spaghettimonster

Auch Co-Autor Rechtsanwalt Dr. Winfried Rath
beantwortete die Fragen des Publikums.
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Das Fliegende Spaghettimonster erschien erstmalig dem Physiker Bobby Henderson im Jahr 2005, nachdem im US-Bundesstaat Kansas die kreationistische Pseudowissenschaft Intelligent Design im Schulunterricht parallel zur Evolution gelehrt werden sollte. In einen offenen Brief an die Schulkommission forderte er, dass auch seine Glaubenslehre an das Fliegende Spaghettimonster (FSM) unterrichtet werden müsse. Die Idee des FSM fand im Internet schnell viele Anhänger. Ein umfassendes Glaubensgebäude lieferte Bobby Henderson dann mit seinem Buch „Das Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters“ nach.

Zu den zentralen Glaubensgrundsätzen des Pastafarianismus zählt die unbedingte Wissenschaftlichkeit. So ist es z.B. statistisch erwiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen der steigenden Erderwärmung und dem Rückgang der Piraten gibt. Um dem entgegenzutreten, müssen sich die Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters als Piraten kleiden. Auch eine Jenseitsvorstellung können Pastafari aufweisen. Auf sie wartet ein Biervulkan und eine Stripperfabrik. Selbstverständlich passen sich diese den jeweiligen Vorlieben der Gläubigen an.

Die Entstehung des Fliegenden Spaghettimonsters deutet darauf hin, dass es sich hier um eine Religionsparodie handelt, denn tatsächlich gibt es unverkennbare Parallelen zu Religionsparodien.

Das Publikum lauscht interessiert und amüsiert dem von der Intitiative „Religionsfrei im Revier“ veranstalteten Vortrag. © Philipp Dreuw / CC BY-NC-SA 4.0

Religionsparodien

Als Urmutter der Religionsparodien gilt die Teekanne von Bertrand Russell aus dem Jahr 1952. Russell ersann eine Porzellan-Teekanne, die auf einer elliptischen Umlaufbahn zwischen Erde und Mars die Sonne umkreist. Es handelt sich streng genommen noch nicht um eine Religionsparodie, sondern um ein Gedankenexperiment für das Problem der Beweislast. Es fehlten noch entscheidende Merkmale für eine Religionsparodie, wie Geschichten, Riten und Glaubenssätze.

Die ersten echten Religionsparodien entstanden in den 1960er Jahren und erlebten mit der Verbreitung des Internets ab den 1990er Jahren einen Boom. Die erste moderne Religionsparodie, die im Internet geboren wurde, ist der Glaube an das Unsichtbare Rosafarbene Einhorn. Wie Russells Teekanne entstand es als Beispiel für die Unwiderlegbarkeit religiöser Behauptungen, zeigt aber die Absurdität religiöser Auseinandersetzungsstrukturen noch viel pointierter auf. Erst später erwuchs aus der Einhorngottheit mit der Errichtung eines ganzen Glaubensgebäudes eine ausgewachsene Religion(sparodie), die auch für die großen Fragen des Lebens Antworten findet, z.B. warum in Waschmaschinen ständig einzelne Socken verloren gehen.

Der Letzten Donnerstagismus basiert auf einem wunderbaren Paradoxon. Er greift die irrwitzigen Argumentationsmuster von Kreationisten auf. Zentraler Glaubensgrundsatz ist die Tatsache, dass die Welt letzten Donnerstag geschaffen wurde. Alles, was darauf hindeutet, dass die Welt bereits vorher existierte, wurde vom Schöpfer gleich mit geschaffen, einschließlich der Gedanken und Erinnerungen. Auch das Unintelligent Design richtet sich gegen die kreationistische Deutung der Welt, indem es darauf hinweist, dass dem Schöpfer einige Missgeschicke passiert sein müssen. Sonst ließe sich z.B. das Aussterben zahlreicher Tierarten nicht erklären.

Zuschauer mit kreativer Kopfbedeckung.
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Mit dem Blick auf Religionsparodien fügt sich das Fliegende Spaghettimonster nahtlos in die Reihe seiner Mitbewerber ein. Die Skurrilität dieses Glaubens deutet für Kritiker stark darauf hin, dass es sich um eine Religionsparodie handelt. Doch wäre Skurrilität ein Kriterium gegen Religionen, müsste vielen etablierten Glaubensgemeinschaften der Status aberkannt werden.

Etablierte Religionen

Die Götterhimmel von Griechen, Römern, Germanen und anderen alten Kulturen erinnern stark an heutige Seifenopern. Und doch waren die Menschen von der Existenz dieser Götter überzeugt und niemand bezweifelt ernsthaft, dass es sich um Religionen handelt, auch wenn diese heute nicht mehr ausgeübt werden. Als drittgrößte Weltreligion ist der Hinduismus nicht weniger skurril. Die vielarmige Göttin Kali wird z.B. meist mit einem Rock aus abgeschlagenen Armen und einer Halskette aus Schädeln abgebildet. Doch dies trägt nicht dazu bei dem Hinduismus den Religionsstatus abzuerkennen.

Deutlich näher an der eigenen Lebenswirklichkeit sind für viele Menschen die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Für Außenstehende könnte die Besessenheit ihres Gottes vom menschlichen Genitalbereich als skurril gelten. So z.B. die 72 Jungfrauen, die auf islamische Selbstmordattentäter warten und die täglich wieder zuwachsen. Oder auch die zweifelhafte Tradition der Amputation der Penisvorhaut, die sich im Christentum nicht durchsetzen konnte, weil sie für die Bekehrten einfach zu skurril war. Dafür stritten christliche Theologen darum, ob die abgetrennte Vorhaut Christi mit Jesus zum Himmel aufgefahren sei. Katholiken verehren gleich mehrere Vorhäute als Reliquien, die alle angeblich von ihrem Heiland stammen.

Etablierte Religionen stehen der Skurrilität eines Fliegenden Spaghettimonsters also in keiner Weise nach. Doch abgesehen davon ist der Pastafarianismus für Kritiker viel zu jung, um eine „richtige“ Religion sein zu können. Sie übersehen dabei, dass alle heute etablierte Religionen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung neu waren. Auch aus heutiger Sicht junge Religionen werden nicht grundsätzlich in Zweifel gestellt. Die Mormonen gibt es noch keine zwei Jahrhunderte. Und die Rastafari auf Jamaika gründeten sich erst im 20. Jahrhundert. Niemand würde diesen Religionen heute ihren Status absprechen.

Der Pastafarianismus stieß in Bochum auf
großes Interesse, wie die Fragerunde
nach dem Vortrag zeigte.
© Philipp Dreuw / CC BY-NC-SA 4.0

Den Anhängern des Fliegenden Spaghettimonsters wird oft vorgeworfen, sie würden nicht an die Existenz ihres Gottes glauben. Auch wenn man keinem Gläubigen in den Kopf schauen kann, trifft dies unbestritten für viele zu. Doch repräsentative Umfragen haben gezeigt, dass dies auch für erstaunlich viele Anhänger des Christentums gilt. Ein Phänomen, das nicht erst mit der zunehmenden Säkularisierung westlicher Gesellschaften eingetreten ist.

Die weltweite Gemeinschaft der Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters weist alle signifikanten Eigenschaften einer Religion auf. Und wie für alle anderen Religionen gilt auch hier, dass man die Nicht-Existenz ihres Gottes unmöglich beweisen kann.

Fazit

Ob man den Pastafarianismus für eine Religion oder eine Religionsparodie hält, kommt auf den persönlichen Blickwinkel an. Für beide Möglichkeiten gibt es gute Argumente. Doch auch für das Fliegende Spaghettimonster sollte gelten: In dubio pro deo. Im Zweifelsfall für Gott.

Der Pastafarianismus weist jedoch einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Religionen auf: Die unbedingte Verpflichtung zum Zweifel. Dies gilt auch für die Existenz eines Fliegenden Spaghettimonsters. Damit könnte der Pastafarianismus die entscheidende religiöse Lösung der Zukunft sein, wenn man denn unbedingt eine Religion braucht.

Aus religionsphilosophischer Sicht ist für die Referentin Daniela Wakonigg vor allem die Frage spannend, wie sich der Pastafarianismus in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird. Hinsichtlich einer Antwort auf die Frage, ob die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters nun eine Religion oder eine Religionsparodie ist, lässt sie die Zuhörer an diesem Abend mit der offenen Frage zurück, die wie eine frisch gekochte Spaghetti auf dem Teller hin und her flutscht. Wer in aller Ruhe abwägen möchte, dem sei das Buch der Referentin empfohlen, das dieser Frage in aller Ausführlichkeit nachgeht.«

Das Fliegende Spaghettimonster – Religion oder Religionsparodie?
Autoren: Daniela Wakonigg / Winfried Rath
Mit einem Vorwort von Michael Schmidt-Salomon.
Verlag: Alibri; Auflage: 1 (1. Juli 2017)
145 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 10,-
ISBN 978-3-86569-272-6

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